Real Talk: Was uns die Börse über unser Training lehrt | RTGA3

“Real Talk mit German-Aesthetics”, das heißt schonungslos die Wahrheit zum Thema Muskelaufbau. Nachdem ihr in Teil 1 unserer Artikelreihe gesehen habt, wie euch rund ums Thema Fitness das Geld aus der Tasche gezogen wird, kümmern wir uns heute im 3. Teil nun darum, wie es dort wieder reinkommt – und zeigen euch, wie interessanterweise genau dieselben Spielregeln auch für euer Muskelwachstum verantwortlich sind!

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Zugegeben, auf den ersten Blick mag das Ganze nicht wirklich einleuchtend aussehen: Vermögensbildung und Muskelaufbau, was zur Hölle soll das miteinander zu tun haben?
Aber ganz so abwegig, wie es zunächst erscheinen mag, ist es am Ende gar nicht, denn im Prinzip unterliegen Vermögens- wie Muskelaufbau denselben Gesetzen!

Zusammenhang: Vermögensaufbau und Muskelaufbau

Die Frage ist nur: Was kann man von Menschen, die Geld mit Wertpapieren verdienen, für sein Krafttraining lernen?

Überblick:

Was ist ein ETF?

Eine beliebte Form der Geldanlage sind heutzutage so genannte ETFs.
Das Prinzip hinter diesen drei Buchstaben ist recht schnell erklärt: Wer am viel zitierten “Aufschwung der Wirtschaft” teilhaben möchte, dem müssen auch Anteile der Firmen, die dieses Geld verdienen, gehören – ganz einfach. Liegt es stattdessen nur auf dem Sparbuch, geht die ganze Party an einem vorbei.

Jetzt ist es natürlich extrem mühselig und verflucht zeitaufwendig, sich über all’ das, was so an der Börse und in der Wirtschaft abgeht, ständig zu informieren.
Eine Möglichkeit: Man geht zur Bank und lässt sich beraten. Da ein “Beratungsgespräch” in der Finanzbranche aber tatsächlich oftmals eher ein “Verkaufsgespräch” ist und so ziemlich jeder Angestellte eines Finanzinstituts einem Interessenkonflikt unterliegt – Hallo Provision! – kann diese Entscheidung teures Lehrgeld bedeuten.
Eine andere Lösung heißt daher: “Mein Geld soll einfach nur das machen, was die Börse macht, fertig!”. Und schon sind wir beim ETF.

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Wer sein Geld in einem ETF, einem Exchange Traded Fund, parkt, der versucht, einfach nur ungefähr genauso gut abzuschneiden wie der jeweilige Aktienmarkt – nicht viel besser, nicht viel schlechter. Indem so ein ETF im Regelfall genau die Aktien enthält, die auch den jeweiligen Aktienindex ausmachen (zum Beispiel den DAX, den Deutschen Aktienindex), macht so ein ETF am Ende so ziemlich dasselbe wie der eigentliche Aktienindex.

Börsenhandel: Der Bezug zum Krafttraining

“Schön und gut”, kann man jetzt natürlich sagen, “aber was hat das mit meinem Bizeps zu tun? N Scheiß!”
Doch das ist nicht ganz richtig.

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Dein Fond fürs Gym: Der Trainingsplan

Wer mit dem Krafttraining beginnt, der benötigt zu aller erst mal einen Trainingsplan. Dieser Plan gibt einem vor, welche Übungen in einer Trainingseinheit absolviert werden und verleiht unserer Zeit im Studio eine gewisse Struktur.
Das Äquivalent zum Trainingsplan ist in der Finanzwelt der Fond: Er ist der Rahmen, indem sich das ganze Handeln abspielt. So wie am Leg Day im Gym Beinübungen anstehen, investiert ein peruanischer Goldminen-Fond in Firmen, die in Peru Bergbau betreiben, und nicht in Firmen, die in China Schweine züchten.
Wählen wir unseren Trainingsplan oder Fond falsch aus, trainieren oder investieren wir am Ziel vorbei.

So wie es sinnvoll ist, seine Geldanlage strukturiert zu planen, bringt auch ein sinnvoll strukturierter Trainingsplan langfristig in der Regel die besten Ergebnisse. Aber was heißt das in diesem Zusammenhang: Sinnvoll?
“Auf den DAX setzen!” lautet ein beliebter Tipp in deutschen Finanzmedien, der interessierten Sparern nahegelegt, ihr Geld ausschließlich in heimische Firmen anzulegen – wie sagte schon Angela Merkel: “Wir schaffen das!”. Dieser Ratschlag ist in der Portfoliotheorie auch als home bias bekannt und bezeichnet die Neigung, eine Geldanlage auf dem heimischen Markt überzugewichten. Dieser Ratschlag, der weitgehend ignoriert, dass wir gemessen am BIP nicht mal zu den TOP3 der Welt gehören, entspricht in etwa dem Ratschlag, ausschließlich Schultern zu trainieren, sonst nichts.

“Global” denken

Ob es wirklich so empfehlenswert ist, ausschließlich seine Schultern zu trainieren und ansonsten die Hanteln liegen zu lassen, darf ein Jeder natürlich für sich entscheiden. Gehen wir mal davon aus, ihr findet es nicht ganz so klug – was macht man stattdessen?

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Solide Grundlagenkonzepte wie der WKM-Plan oder Starting Strength basieren darauf, möglichst wenige, aber möglichst effektive Übungen in abgestimmter Reihenfolge zueinander zu verwenden. Der Blick wechselt hierbei von einer isolierten Betrachtung einzelner Muskelgruppen zu einer ausgewogenen Betrachtung des ganzen Körpers.

Ganzkörpertraining: Dasselbe wie ein breiter Aktienfond

So, wie man mit Hilfe eines Grundlagenplans versucht, in etwa alle Körperpartien durch sein Training abzudecken, kann man auch mit einem Fond versuchen, in möglichst viele Länder und Branchen gleichermaßen zu investieren. Dieses Prinzip nennt sich auch Diversifikation, oder Ausweitung. Dieses globale Denken lässt sich ebenso auf den Körper übertragen im Bestreben, nicht nur wie ein Discopumper mit breiter Brust und dicken Armen rumzulaufen, sondern auch noch einen Arsch in der Hose zu haben und ein Paar stabile Beine.

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Das Gleichgewicht wahren

Die Häufigkeit, mit der wir ins gym gehen, lässt sich ebenfalls mit Anlagestrategien in Verbindung bringen: Ein Sparplan beschreibt ein festes Muster, indem wir Geld in unseren Fond einzahlen – zum Beispiel 50€ jeden Monat.
So, wie wir also in fest definierten, regelmäßigen Abständen Geld in unseren Fond buttern, ist für uns im gym auch jeden Montag Chest Day, womit wir dafür Sorge tragen, dass unser Vermögen – in Geld oder Muskeln gewogen – in einer festgelegten Frequenz Wachstumsanreize bekommt. Macht es dabei Sinn, jeden Tag zu trainieren?

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Wer Aktien kauft, der bezahlt bei jedem Handel Geld. Je häufiger wir also einkaufen, desto teurer wird das Ganze. Obwohl die meisten Fitnessstudios mit einem Monatsbeitrag arbeiten, gibt es noch eine zweite Währung, mit der wir jedes Mal bezahlen, wenn wir trainieren gehen: unsere Zeit. Je enger getaktet unsere Trainingsfrequenz ist, umso mehr Lebenszeit verbringen wir im Studio. Aber ist das immer vorteilhaft?

Ein schönes Beispiel aus der Anlagetheorie, das die Schattenseiten von ausufernden Trainingssplits anschaulich darstellt, ist das so genannte Rebalancing. Wer sein Geld in mehrere Fonds gleichzeitig steckt und dabei versucht, ein harmonsiches Gleichgewicht zu wahren, hat einen erhöhten Aufwand, sein Kunstwerk regelmäßig auszubalancieren. Dieses Spielchen lässt sich 1:1 aufs Krafttraining übertragen: Wer sich für einen exotischen 5er Split entscheidet, unterliegt schnell einer gewissen zeitlichen Knechtschaft in seinem Alltag, was das Ausbalancieren seiner Trainingseinheiten angeht.
Nun kann man argumentieren, dass sich hierdurch (gegebenenfalls) ein wenig bessere Ergebnisse erzielen lassen könnten. Aber wie sieht die Situation aus, wenn wir einmal krank sind oder uns eine Klausur ins Haus steht? Und schon gerät unser Gleichgewicht ins Wanken – nicht nur physisch, durch Erschöpfung und Übertraining, sondern meist auch psychisch, in Form von Stress.

Erschöpfung durch zu komplexes Krafttraining

Je einfacher ein System aufgebaut ist, desto einfacher ist es, die Balance zu erhalten: Das gilt mit Aktien-Fonds genauso wie mit unserem Gym-Fond, unserem Trainingsplan.

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Gaindite

Eine der Kernaussagen der “Modernen Portfoliotheorie”, für die der US-Ökonom Harry M. Markowitz 1990 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, lautet wie folgt:

“Risiko und Rendite sind untrennbar miteinander verknüpft” [1]

Markowitz untersuchte für seine Arbeit das Investitionsverhalten an Kapitalmärkten und folgerte aus seinen Ergebnissen, dass es einen unumstößlichen Zusammenhang zwischen den Faktoren Rendite und Risiko gibt: Wer mehr Risiko eingeht, kann unter Umständen mehr verdienen, wer vorsichtiger ist, dessen Potential ist in der Regel geringer. Aber was heißt das für unser Krafttraining?

Wer einen kompakten Trainingsplan verfolgt, seinem Körper stets ausreichend Zeit zur Regeneration gönnt und größtenteils auf Alkohol verzichtet, baut sich ein relativ sicheres Trainingsumfeld auf. Haben wir es also mit einem geringen Trainingsrisiko zu tun, folgt daraus auch das mögliche Potential für unseren Muskelaufbau: Die Rendite für unsere Anstrengungen, unsere “gains”, sind auf kurze Sicht auch eher als gering bzw. im Trainingskontext als durchschnittlich einzustufen.

Abstrahieren wir diesen Zusammenhang an den Börsen, dass ein geringes Risiko Hand in Hand mit einer geringen Renditeerwartung geht, heißt das für unser Training, dass ein geringes Trainingsrisiko ebenfalls – auf kurze Sicht – geringe bzw. durchschnittliche Erwartungen an unsere gains stellen sollte: Das Risiko bedingt unsere Gain-dite.

Jetzt sind Bescheidenheit und Demut Dinge, auf die wir Menschen häufig so gar keinen Bock haben. Ganz im Stil des Media Markt-Slogans, “Geiz ist geil“, wollen wir immer mehr – das heißt sowohl mehr Geld, als auch mehr Muskeln. Wir sind dabei unersättlich wie die Made im Speck. Aber können wir, unter Berücksichtigung des obigen Zusammenhangs, auch wirklich ständig “mehr” erreichen?

Alles hat seinen Preis

Wer im Leben noch nie so richtig vor die Wand gelaufen ist, für den vielleicht an dieser Stelle der Hinweis: Alles im Leben hat seinen Preis. Etwas eleganter formuliert das Gerd Kommer, Erfolgsautor eines der renommiertesten deutschen Bücher über Geldanlage, wie folgt:

“Der Versuch, den Durchschnitt [Markt] zu schlagen, ist nicht kostenlos. Anleger, die diesen Versuch unternehmen, müssen notwendigerweise höhere Verlustrisiken eingehen, um sich damit die Chance auf eine Outperformance zu erkaufen.” [2]

Die message ist im Prinzip ganz einfach: Reicht dir dein Ergebnis nicht, musst du das Risiko erhöhen – aber auch die Konsequenzen dafür in Kauf nehmen. Wir erinnern uns: Es gibt nichts umsonst, wir erkaufen uns nur größere Chancen durch höheres Risiko. Aber was heißt das für unser Geld und unseren Körper?

Wer an der Börse hoch hinaus will, zockt mit komplizierten Hebel-Produkten und sonstigem Finanzallerlei, den die wenigsten verstehen, um sich in ekstatischer Erwartung traumhafter Zinssätze zu sonnen.
Warum solche Unternehmungen oftmals in teilweise Existenz gefährdenden Tragödien enden, sollte nun klar sein: Eine gigantische Renditeaussicht wird stets von einem gigantischen Risiko – bis zum Totalverlust des Geldes – begleitet. Wer euch also “tolle Rendite ohne Risiko” verspricht, den solltet ihr am besten direkt vom Hof jagen.

Umso tragischer sind die Auswirkungen dieses verkannten Zusammenhangs von Risiko und Gain-dite in der Fitnessbranche, da sich viele Menschen auf Jahre ihre Gesundheit ruinieren, ohne sich dessen im Vorfeld überhaupt klar zu sein.
Nehmen wir unsere Erkenntnisse aus RTGA2 über die Normalverteilung als Basis, so haben die meisten von uns von Natur aus schlicht und ergreifend ein durchschnittliches Muskelaufbaupotential – Punkt. Die wenigsten von uns werden nun mal als “Hulk in spe” geboren.
Jetzt haben wir zwei Möglichkeiten: Entweder, wir akzeptieren das und entwickeln dennoch Spaß am Training und unserer Entwicklung – oder wir helfen nach.

Fotomontage eines Stoffers

So, wie wir uns an der Börse zusätzlich zu unserem eigenen Geld auch noch fremdes Geld leihen können, um “mehr” zum Verwetten zur Verfügung zu haben (=Kredit finanzierte Finanzgeschäfte), können wir auch das Muskelaufbaupotential unseres Körpers künstlich erhöhen. Die Rede ist von Steroiden, illegalen Muskelaufbaupräparaten.
Wer sich dazu entscheidet, auf dieses Pferd zu setzen, dem sollte jedoch spätestens jetzt klar sein, dass jede Form der Leistungssteigerung über sein natürliches Limit hinaus das Risiko für gesundheitliche Konsequenzen im Gleichschritt mit der Steigerung des Muskelwachstums erhöht – bis hin zum Totalverlust der körperlichen Gesundheit.

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Fazit: In der Ruhe liegt die Kraft

Astronomische Geld- und Muskelzuwächse binnen kurzer Zeit sind statistisch betrachtet völlig unrealistisch und nur für sehr wenige Glücksritter in Russischer Roulette-Manier unter massivem Verlustrisiko zu realisieren. Für jeden “Star”, der uns im Fernsehen in diesem Kontext präsentiert wird, liegen im Hintergrund Hunderte elendig und ruiniert am Boden – der Scheinwerfer ist nur nicht auf sie gerichtet. Dasselbe gilt 1:1 für die Fitnessbranche. Aber was ist die Lösung aus dieser Misere?

Wenn wir jeden Monat 50€ zur Seite legen, haben wir nach 10 Monaten 500€. Das zieht jetzt natürlich noch nicht die Wurst vom Brot, gibt uns aber einen Wink in eine interessante Richtung: Spielen wir dieses Spiel nämlich nicht nur 10 Monate, sondern 10 Jahre lang, haben wir 6.000€ unterm Kopfkissen – aus popligen 50€-Häppchen. Macht man das Ganze nicht nur 10, sondern 35 Jahre lang, sind es schon 21.000€. Und lässt man es nicht unterm Kopfkissen liegen, sondern investiert es zum Beispiel in so einen ETF vom Anfang, sieht das Ergebnis nochmal anders aus und man kann dem Kind den Namen “Altersvorsorge” geben.

Muskelaufbau funktioniert ganz genauso: Nach ein paar Wochen regelmäßigen Trainings sind die Fortschritte noch überschaubar, aber wer es dank einem starken Willen und viel Disziplin schafft, über Jahre konsequent am Ball zu bleiben, der wird auf lange Sicht mit einer stattlichen Gain-dite belohnt.

Der größte Feind dieser Entwicklung sind wir selbst: Wie der Anleger, der täglich nervös auf sein Konto schaut und bei den kleinsten Markt-Turbulenzen aussteigt, werden wir nie unser mögliches Potential erreichen, wenn wir uns von den täglichen Widerständen wie Faulheit, Neid auf andere oder falsche Erwartungshaltungen ausbremsen lassen.
Erinnern wir uns ein letztes Mal an die Börse: So, wie aus 50€ mit der Zeit viele Tausende werden, können aus vielen kleinen Trainingseinheiten beachtliche Muskelberge entstehen. Das Einzige, was ihr dafür tun müsst: Dranbleiben – und ein kleines bisschen Geduld mitbringen ;)

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Quellen:
[1] “Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs”. Gerd Kommer, 2015. Seite 34.
[2] “Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs”. Gerd Kommer, 2015. Seite 34.

Bildquelle: Pricenfees (Flickr, CC BY 2.0), ThoroughlyReviewed (Flickr, CC BY 2.0), thetaxhaven (Flickr, CC BY 2.0), ThoroughlyReviewed (Flickr, CC BY 2.0), Pricenfees (Flickr, CC BY 2.0), MattysFlicks (Flickr, CC BY 2.0),

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Comments

  1. Andi says:

    “Gaindite” ist ja mal ein unglaublich geiles Wort! :D
    Ich mag deinen Ansatz sehr! Die meisten Anfänger möchten lieber “über Nacht schnell reich werden” und werden dann von entsprechenden Kollegen abgegriffen und wundern sich…
    Keiner möchte 10 Jahre arbeiten gehen und jeden Monat 20% des Einkommens zurücklegen, aber genau das ist der Weg…
    Super Artikel!

    P.S. Der gute,alte WKM Plan ist einfach nicht tot zukriegen :)

    • admin says:

      Morgen Andi,

      vielen lieben Dank für deine netten Worte!
      Am Ende bleibt wohl festzuhalten, dass “in der Ruhe liegt die Kraft” gar nicht mal so verkehrt ist…

      Besten Gruß und eine gute Woche
      Sebastian

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